2009: Krise ohne Alternative?

Tagung der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG),
3. bis 4. Juli 2010, Wien
 
(der folgende Tagungsbericht ist der Seite des Beirats für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen entnommen)
 

Wel­che Krise?

In den Kri­sen­dia­gno­sen auf der Tagung bil­de­ten makro­öko­no­mi­sche und all­tags­be­zo­gene Ana­ly­sen die Pole der Ana­lyse.
Joa­chim Becker inter­pre­tierte die Krise als Aus­druck nicht-​​nachhaltiger Akku­mu­la­ti­ons­re­gime: Finan­zia­li­sierte Import– und neo­mer­kan­tile Export-​​Länder seien auf­ein­an­der ange­wie­sen und nun par­al­lel von der Krise betrof­fen. Je bin­nen­ori­en­tier­ter ein Staat, desto weni­ger krisenbetrof­fen, so Becker.
Bir­git Sauer zufolge ist die Krise auch eine Krise der Lebens­weise, was sich in der Krise der Auto­in­dus­trie spie­gele. Die Auto­ge­sell­schaft steht für man­gelnde ökolo­gi­sche Nach­hal­tig­keit, und ruhe auf einer spe­zi­fi­schen „Bevöl­ke­rungs­weise“, u.a. ein hege­mo­nia­les Geschlechterregime punkto Arbeit und Konsum.

 

Krise im Dis­kurs

In einer Ana­lyse des media­len Dis­kur­ses unter star­kem Rück­griff auf Internet-​​Foren kon­sta­tierte Heinz Stei­nert bei Gebil­de­ten die Nei­gung, das Thema ins Mora­li­sche zu zie­hen, wäh­rend bei „gemei­nen Leu­ten“ die Ten­denz vor­herr­sche, sich zu arran­gie­ren und abzu­war­ten. Der Bou­le­vard zeige mit­un­ter auch eine gewisse Häme gegen­über den Ver­lus­ten der Rei­chen.
In der domi­nan­ten Kri­sen­de­fi­ni­tion wür­den Meta­phern von Krank­heit ein­ge­setzt, was einen Rück­kehr zum sta­tus quo ante als gesun­den Normalzustand impli­ziere. Die Krise sei eine Krise von Arti­ku­la­ti­ons­mög­lich­kei­ten für eman­zi­pa­to­ri­sche For­de­run­gen, so Ariane Brens­sell. Isabell Lorey betonte die nor­ma­li­sie­ren­den Effekte der Krise – bis­her Skan­da­li­sier­tes werde selbst­ver­ständ­lich. Ein Ver­lust mora­li­scher Ökonomie sei zu beob­ach­ten, ein Ver­lust der Gren­zen der Zumutbarkeit.

 

Wie gut ist ‘lin­kes Wis­sen’?

Laut Heinz Stei­nert ist es der Lin­ken in der öffent­li­chen Debatte um die Krise nicht gelun­gen, eine eigen­stän­dige Inter­pre­ta­tion ins Spiel zu brin­gen. Das zen­trale Ver­sa­gen sei, dass es nicht gelun­gen sei, die Zuschrei­bung von Wirt­schafts­kom­pe­tenz an Kon­ser­va­tive Kräfte infrage zu stel­len.
Isa­bell Lorey führte die Selbst­ver­strickt­heit von Lin­ken in die Ver­hält­nisse als mög­li­chen Grund für die Schwä­che lin­ker Kri­sen­ana­ly­sen an. Alex Demi­ro­vic betonte die Stärke lin­ken Wis­sens, und stellte eher eine Krise der poli­ti­schen Mobi­li­sie­rung und Schwä­chen der Artikulationsfähig­keit in den Vor­der­grund. In der Debatte war umstrit­ten, ob lin­kes Wis­sen selbst defi­zi­tär, oder aus­rei­chend und gut, aber macht­los sei.

 

Zukunfts­pro­gnose

Stei­nert sah die Kon­ser­va­ti­ven Kräfte erfolg­reich, die Krise zu nut­zen, um den Staat stär­ker zu instru­men­ta­li­sie­ren und Refor­men in ihrem Sinne zu legi­ti­mie­ren. Die­ser Umgang stünde in einer Tra­di­tion der letz­ten Jahre, das Aus­ru­fen von Kri­sen zur Her­stel­lung von Veränderungsbereit­schaft bei der Bevöl­ke­rung ein­zu­set­zen.
Bir­git Sauer zufolge werde die Finanz­krise dazu genutzt, um asym­me­tri­sche Geschlech­ter­ver­hält­nisse zu sta­bi­li­sie­ren, abge­se­hen davon, dass letz­tere auch zur Abfe­de­rung von Kri­sen­fol­gen her­hal­ten müs­sen. Ariane Brens­sell zeigte das anhand der Dele­gi­ti­mie­rung von sozia­len und frauen­po­li­ti­schen For­de­run­gen, die ange­sichts der Finanz­krise in den Hin­ter­grund gedrängt wer­den.
Im Gegen­satz dazu inter­pre­tierte Mario Candeias die Reser­ven des Neo­li­be­ra­lis­mus als erschöpft, weil die Krise gezeigt habe, dass er weder neue Akku­mu­la­ti­ons­fel­der eröff­nen noch akti­ven Kon­sens der Beherrsch­ten her­zu­stel­len ver­mochte.
Für die wei­tere Zukunft pro­gnos­ti­zier­ten einige Wort­mel­dun­gen einen L-​​förmigen Ver­lauf, also eine län­ger anhal­tende wirt­schaft­li­che Stagnation („Modell Japan“) mit der Folge här­te­rer gesell­schaft­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Wolf­gang Nitsch führte das „Modell Süd­afrika“ als mög­li­ches Zukunfts­sze­na­rio an: Koexis­tenz eines klei­nen Bereichs, wo neo­li­be­ra­les Modell für einige wenige funk­tio­niert, neben einem großen Bereich der auto­ri­tär ver­wal­te­ten Ver­elen­dung, und das alles bei funk­tio­nie­ren­dem Rechts­staat und par­la­men­ta­ri­scher Demokratie.